Brief des Schulelternrates an den Kultusminister
In seiner Sitzung vom 03. 12. 03 befasste sich der Schulelternrat ausführlich und intensiv mit der schulischen und vor allem personellen Situation und entschloss sich angesichts der bevorstehenden Streichung der Vertretungsreserve zum 01. 02. 04 zu einem Protestbrief an den Herrn Kultusminister, der hier im Wortlaut allen zugänglich gemacht werden soll .

30159 Hannover
Sehr geehrter Herr Minister Busemann,
wir sind eine kleine Grundschule im südlichen Emsland, die mit großem Engagement des Lehrerkollegiums und der Elternschaft vor über 10 Jahren die Einführung der Vollen Halbtagsgrundschule umgesetzt hat. Wir sind stolz auf das Erreichte. Wir machen uns für das Modell der VHGS stark, weil wir davon überzeugt sind, dass es unsere Kinder auf ihrem Bildungsweg stärker fördert und voranbringt als das „Billigmodell“ (Zitat B. Busemann) Verlässliche Grundschule.
Aufgrund kleiner Klassen sind uns bei der normalen Unterrichtsversorgung auf rational nicht nachvollziehbare Weise (Müssen die Kinder in kleinen Klassen den gleichen Stoff in weniger Stunden bewältigen?) bereits 22 Lehrerstunden (minus 12 %) gestrichen worden. Um die VHGS aufrecht zu erhalten, fließt die Vertretungsreserve, die Sie uns jetzt auch noch streichen wollen, längst in den normalen Unterricht ein, ebenso die Stunden, die die an unserer Schule auszubildende Referendarin selbstständig unterrichten darf. Darüber hinaus müssen bereits jetzt stundenweise Klassen zusammengelegt werden. Stundenweiser Ausfall eines Lehrers (z.B. für die Referendarsausbildung) werden durch eine Eltern-Alarmreserve aufgefangen. Bei weitergehendem Ausfall einer Lehrkraft müssen Parallelklassen zusammen unterrichtet werden.
Wie diese von der Elternschaft ausdrücklich mitgetragenen Klimmzüge zeigen, halten wir überzeugt am pädagogischen Konzept unserer Schule fest. Wir sehen täglich, dass unsere Kinder sehr motiviert sind und diese Schule gern besuchen, was nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen ist, dass ihnen im Rahmen von zum Teil klassenübergreifenden Arbeitsgemeinschaften auch künstlerische, musische und sportliche Förderung zuteil wird. Dem Lehrerkollegium sieht man ausnahmslos die Freude und das Engagement für seine Arbeit an.
Die in den AG´s erworbenen Fähigkeiten der Schüler sind mittlerweile fester Bestandteil im dörflichen und kirchlichen Gemeinschaftsleben, das – wie Sie als Emsländer ja wissen – hier sehr sorgsam gepflegt wird. Das Lernen in AG´s und die wöchentliche Patenstunde der Viertklässler mit ihren Patenkindern aus den 1.Klassen sind ein Riesenschritt zu sozialer Kompetenz, die in anderen Schulmodellen leider nicht ausreichend Raum finden kann. Die festen Schulzeiten mit der Integration von Unterricht und Betreuung ermöglichen einen kind- und lerngerechten Ablauf, der die Kinder Schule als Gemeinschaft erleben lässt, in der sie vom Eintreffen in der Schule bis zu deren Verlassen lernen.
Die Verlässliche Grundschule kann dies nicht leisten und ist damit weder aus pädagogischer noch bildungspolitischer Sicht als Alternative zur VHGS akzeptabel. Sie selbst haben die Verlässliche Grundschule als „Billigmodell“ und „pädagogischen Unsinn“ bezeichnet. Nicht nur die PISA-Studie zeigt eklatante Mängel in unserem Bildungssystem auf, sondern auch die OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ von 2002, mit der Indikatoren aufgezeigt werden, die ein leistungsstarkes Bildungssystem ausmachen. Laut dieser Studie werden in Deutschland Kinder in Kindergärten, Vorschulen und Grundschulen nicht ausreichend gefördert, obgleich gerade diese Lernphase die entscheidende Grundlage für die weitere Bildungsentwicklung der Kinder legt.
Als unsachlich empfinden wir die von ihrem Ministerium vorgebrachten Äußerungen, dass die VHGS im Vergleich zur „normalen“ Grundschule immer noch besser ausgestattet ist. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Schulmodelle, die eines differenzierteren Vergleichs bedürfen. Sie sollten in der Öffentlichkeit nicht den Eindruck zu vermitteln versuchen, dass es keine wesentlichen qualitativen Unterschiede gibt. Wenn Sie das Konzept der VHGS entgegen Ihrer eigenen fachlichen Einschätzung zerschlagen wollen, so sprechen Sie dies doch bitte offen aus. Sie sollten dann auch dazu stehen, dass für die VHGS in Niedersachsen mit ihrer Umwandlung in Verlässliche Grundschulen eine Verschlechterung der schulischen Bildungssituation einher geht. Auch Ihre jüngste Bekräftigung zum Bestandsschutz der Vollen Halbtagsschulen (Presseerklärung vom 11.12.2003) führen Sie in gleichem Schreiben wieder ad absurdum, wenn Sie sagen, dass „viele mit einem Golf ganz gut vorankommen und die anderen nicht auf einem Mercedes beharren sollen“. Wollen Sie mit dieser Aussage klarstellen, dass Sie erkannte Notwendigkeiten für unser Bildungswesen (siehe OECD-Studien) nicht weiter verfolgen werden und von den niedersächsischen Grundschulen nicht mehr als Mittelmaß erwarten ?
Sehr geehrter Herr Minister Busemann, Sie werden verstehen, dass wir als Eltern und verantwortungsbewusste Staatsbürger für unsere Kinder die Schulform wünschen, die ihnen die bestmögliche Bildungsentwicklung ermöglicht! An unserer Grundschule gefährdet der Wegfall der Vertretungsreserve das gesamte pädagogische Konzept unseres Schulmodells!
Wir möchten Sie auffordern, sich – solange Sie die Qualität der schulischen Arbeit einer Vollen Halbtagsschule schätzen und ihr daher Bestandsschutz gewähren – konsequent auch für ihren Fortbestand einzusetzen!
Für den Schulelternrat der Grundschule Beesten
Gregor Kloster Dr.Hedda Schlegel-Starmann
(Vorsitzender) (Stellvertreterin)